Thujon ist kein gewöhnlicher Aromastoff. Es steckt in Kräutern wie Wermut, Zypresse oder Salbei - und vor allem in Absinth. Seit Jahrhunderten wird es mit Halluzinationen, Kreativität und sogar Vergiftungen in Verbindung gebracht. Aber was passiert wirklich im Körper, wenn du Thujon konsumierst? Die Antwort ist einfacher, als viele denken - und viel weniger dramatisch, als die Legenden behaupten.
Was ist Thujon?
Thujon ist ein natürlich vorkommendes Monoterpens, das in verschiedenen Pflanzen als Teil ihres ätherischen Öls enthalten ist. Die wichtigste Quelle für Thujon im Absinth ist Wermut (Artemisia absinthium, eine Pflanzenart aus der Familie der Korbblütler). Dieses Öl wird bei der Destillation des Absinths freigesetzt und verleiht dem Getränk seinen charakteristischen bitteren, herb-kräuterigen Geschmack. Thujon ist nicht künstlich hinzugefügt - es ist ein natürlicher Bestandteil, der aus der Pflanze stammt.
Die chemische Struktur von Thujon ist eng mit anderen Terpenen wie Campher oder Pinen verwandt. Es gibt zwei Hauptisomere: α-Thujon und β-Thujon. α-Thujon ist das aktiveres, toxischere Isomer und wird in der Regel als Hauptverantwortlicher für die physiologischen Effekte angesehen. In Absinth liegt die Konzentration typischerweise zwischen 0,5 und 10 mg pro Liter, je nach Rezeptur und Land.
Thujon und das Nervensystem
Thujon wirkt als GABA-A-Rezeptor-Antagonist. Das klingt kompliziert, ist aber einfach erklärt: GABA ist dein wichtigster beruhigender Neurotransmitter. Es dämpft überaktive Nervenzellen und sorgt für Entspannung. Thujon blockiert diese Wirkung - und das führt zu einer Art von Übererregung im Gehirn.
Dieser Mechanismus ist der Grund, warum Thujon in hohen Dosen krampffördernd wirkt. In Tierversuchen und Fallberichten wurden bei extremen Überdosierungen Krämpfe, Muskelzuckungen und sogar epileptische Anfälle beobachtet. Aber: Diese Dosen liegen weit über dem, was ein Mensch über ein Getränk wie Absinth aufnehmen könnte. Um eine toxische Wirkung zu erzielen, müsstest du mehr als ein Liter Absinth in kurzer Zeit trinken - ein unmögliches Szenario, weil die Alkoholmenge dich viel früher außer Gefecht setzt.
Die Mythos um Halluzinationen
Die Legende sagt: Absinth macht dich hallucinieren. Das ist falsch. Es gibt keine wissenschaftliche Studie, die nachweist, dass Thujon in den Konzentrationen, die in Absinth vorkommen, Halluzinationen auslöst. Die berühmten Berichte von Künstlern wie Oscar Wilde oder Verlaine stammen aus einer Zeit, in der Absinth oft mit anderen Substanzen vermischt wurde - etwa mit Alkohol, Cannabis oder sogar Medikamenten. Außerdem wurde Absinth früher oft mit schlechter Qualität hergestellt, mit Schwermetallen oder künstlichen Farbstoffen versetzt. Diese Verunreinigungen, nicht Thujon, verursachten die unangenehmen Effekte.
Was du wirklich spürst, wenn du Absinth trinkst, ist vor allem der hohe Alkoholgehalt - oft über 45 % Vol. Das führt zu einer schnellen Betrunkenheit, die manchmal als "geistige Klarheit" oder "Kreativität" missverstanden wurde. Die Wirkung ist also nicht anders als bei starkem Wodka oder Gin. Der Unterschied liegt im Geschmack, nicht in der Pharmakologie.
Wie viel Thujon ist sicher?
Die Europäische Union hat strenge Grenzwerte für Thujon in Lebensmitteln festgelegt:
- 10 mg/L in alkoholischen Getränken mit mehr als 25 % Alkohol (also auch Absinth)
- 5 mg/L in alkoholfreien Lebensmitteln wie Kräutertees
- 35 mg/L für Bier mit Wermut (nur in einigen Ländern wie Belgien erlaubt)
Diese Werte basieren auf Sicherheitsstudien der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Sie berücksichtigen nicht nur die akute Toxizität, sondern auch langfristige Exposition. Selbst bei regelmäßigem Konsum von Absinth in diesen Grenzen ist kein gesundheitliches Risiko nachweisbar.
Ein Mensch müsste täglich mehr als 1 Liter Absinth mit 10 mg/L Thujon trinken, um die sogenannte tolerierbare Tagesdosis (TDI) von 0,1 mg pro kg Körpergewicht zu überschreiten. Das bedeutet: Für eine 70 kg schwere Person wären das 7 mg Thujon pro Tag. Ein typischer Absinth (mit 5 mg/L) enthält bei einem Glas (30 ml) gerade mal 0,15 mg Thujon. Du müsstest über 40 Gläser trinken, um die TDI zu erreichen - und das vorher schon mit Alkoholvergiftung.
Thujon in anderen Lebensmitteln
Thujon ist nicht nur in Absinth enthalten. Du bekommst es auch aus:
- Salbei (Salvia officinalis, ein Küchenkraut mit hohem Thujongehalt) - besonders in ätherischem Öl oder konzentrierten Kräutertees
- Zypresse (Cupressus sempervirens, in Duftstoffen und ätherischen Ölen)
- Wacholderbeeren (Juniperus communis, Hauptzutat von Gin) - in geringen Mengen
Ein Teelöffel Salbeiblätter in einem Aufguss kann mehr Thujon enthalten als ein ganzes Glas Absinth. Trotzdem: Selbst bei regelmäßigem Salbeiteetrinken gibt es keine Hinweise auf gesundheitliche Schäden - solange du nicht stundenlang konzentrierte Kräutertees trinkst. Die Natur hat einen natürlichen Schutzmechanismus: Die bittere Wirkung hält dich davon ab, zu viel davon zu trinken.
Was passiert bei Überdosierung?
Thujon ist in hohen Dosen giftig - aber das ist kein Grund, Absinth zu meiden. Eine akute Vergiftung mit Thujon ist extrem selten und tritt nur bei der Einnahme von reinem ätherischem Öl auf. Symptome können sein:
- Übelkeit und Erbrechen
- Herzrhythmusstörungen
- Muskelkrämpfe
- Konvulsionen (Krampfanfälle)
- Bewusstseinsstörungen
Diese Fälle sind fast immer mit dem Missbrauch von ätherischen Ölen verbunden - nicht mit Getränken. In der Medizin wird Thujonvergiftung kaum dokumentiert. Die meisten Studien stammen aus Tierexperimenten oder Einzelfällen mit Selbstversuchen. Es gibt keine dokumentierten Todesfälle durch Absinth allein.
Warum wurde Absinth verboten?
Im frühen 20. Jahrhundert wurde Absinth in vielen Ländern verboten - nicht wegen Thujon, sondern wegen sozialer Ängste. Die Prohibitionsbewegung nutzte Absinth als Sündenbock für Alkoholmissbrauch. Künstler, Arbeiter und Kriminelle wurden als "Absinth-Trinker" verunglimpft. Die Medien berichteten von Wahnsinn, Selbstmorden und Gewalt - oft ohne wissenschaftliche Grundlage.
Erst in den 1990er Jahren, nach neuen Studien und EU-Richtlinien, durfte Absinth wieder legal hergestellt werden. Die Grenzwerte wurden eingeführt, um die Sicherheit zu garantieren - nicht, weil man Thujon für gefährlich hielt, sondern weil man es kontrollieren wollte. Heute ist Absinth in der EU, den USA und vielen anderen Ländern legal - mit klaren Regeln.
Thujon heute: Ein verkannter Stoff
Thujon ist kein Drogenstoff. Es ist ein natürlicher Aromastoff, der in vielen Pflanzen vorkommt - und in Absinth in so geringen Mengen, dass er keine physiologische Wirkung entfaltet. Die Angst vor Thujon ist eine historische Fehlinterpretation, die von Medien, Moralpanik und schlechter Wissenschaft geprägt wurde.
Wenn du Absinth trinkst, trinkst du Alkohol. Mit einem besonderen Geschmack. Mit einer reichen Geschichte. Mit einer Kultur, die Künstler, Schriftsteller und Trinker vereint. Aber nicht mit einer chemischen Waffe. Thujon ist harmlos - solange du dich an normale Mengen hältst.
Ist Thujon in Absinth gefährlich?
Nein. Die Menge an Thujon in legalen Absinths liegt weit unterhalb der Grenzwerte, die gesundheitliche Risiken verursachen könnten. Du müsstest extrem viel davon trinken - mehr als bei einer Alkoholvergiftung - um eine Wirkung zu spüren. Die Gefahr kommt vom Alkohol, nicht vom Thujon.
Kann man durch Thujon hallucinieren?
Nein. Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Thujon in den Konzentrationen, die in Absinth vorkommen, Halluzinationen auslöst. Die berühmten Berichte stammen aus einer Zeit mit verunreinigtem Absinth oder kombiniertem Konsum mit anderen Substanzen. Heute ist das unmöglich.
Ist Absinth heute legal?
Ja. In der EU, den USA, Kanada und vielen anderen Ländern ist Absinth legal, solange der Thujongehalt unter 10 mg/L liegt. Die meisten modernen Absinths enthalten nur 3-7 mg/L - weit unter dem Limit.
Welche Lebensmittel enthalten Thujon?
Neben Absinth enthält Thujon vor allem Wermut, Salbei, Zypresse und Wacholderbeeren. Auch Kräutertees aus diesen Pflanzen können Thujon enthalten - aber in Mengen, die nicht schädlich sind, solange du sie nicht in konzentrierter Form trinkst.
Warum wurde Absinth verboten?
Absinth wurde nicht wegen Thujon verboten, sondern wegen sozialer Ängste und politischer Propaganda im frühen 20. Jahrhundert. Künstler und Arbeiter wurden als "Absinth-Trinker" verteufelt. Moderne Studien haben gezeigt, dass die Gefahren übertrieben wurden. Heute ist Absinth wieder legal - mit klaren Sicherheitsstandards.